Halluzinogener Honig – Rausch mit Honig?

Halluzinogener Honig
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Halluzinogener Honig – was ist dran an der psychedelischen Wirkung des „mad honey“? Ob am Schwarzen Meer, unter den Gipfeln des Himalayas oder im fernen Mexiko: Die berauschenden und heilsamen Effekte verschiedener Honigarten sind rund um den Globus fester Bestandteil der traditionellen Medizin. Heute weiß man, dass dafür Grayanatoxine und LSD-ähnliche Substanzen verantwortlich sind. Seit der Antike kennt aber auch deren mitunter tödliche Auswirkungen, mit denen unbedachte Drogennutzer bei falscher Anwendung Bekanntschaft machen. Erfahre in diesem Artikel alles Wissenswerte über halluzinogenen Honig von dem Biologen Dr. rer. medic. Harald Stephan.

Tollhonig aus dem antiken Pontien

Das germanische toll steht für „den Verstand verlieren“: Tollwut – Tollkirsche – Tollhonig. Für Letzteren ist „Türkischer Wildhonig“ eine vergleichsweise harmlos klingende Bezeichnung. Häufiger begegnet man dem Namen Pontischer Honig. Pontien bezeichnete in der Antike die kleinasiatische Südküste des Schwarzen Meeres, die heute im Nordosten Anatoliens liegt. Diese Region war auch namengebend für die Pontische Alpenrose Rhododendron ponticum, die zusammen mit ihrer gelben Schwester Rhododendron luteum den Unterwuchs zahlreicher Waldgebiete an der türkischen Schwarzmeerküste beherrscht.

Wie die ganze Pflanze enthalten ihr Pollen und Nektar Grayanatoxine wie Grayanatoxin I (bisweilen als Andromedotoxin, Rhodotoxin oder Asebotoxin bezeichnet). Die ebenso von verschiedenen anderen Heidekrautgewächsen gebildeten sekundären Pflanzenstoffe gehören zu den Tetracyclophytanen und dienen zum Schutz vor hungrigen Tieren. Sie haben schon so manchem unvorsichtigen Rind und Schaf den Garaus gemacht. In der Schwarzmeerregion heißen die Büsche im Volksmund Lämmerkiller und Kälbermörder. Eigentlich wirken diese Giftstoffe auch bei Insekten – warum sie ausgerechnet Bienen nichts ausmachen ist ungeklärt.

Im Honigrausch mit Nervengift: Grayanatoxine

Umso besser kennt man die Effekte der Grayanatoxine auf den Menschen. Je nach Konzentration können bereits fünf bis 30 Gramm Pontischer Honig Vergiftungserscheinungen hervorrufen – das entspricht zwei Teelöffeln aufwärts.

Die potenten Neurotoxine halten die Natriumkanäle der Membranen von Nervenzellen geöffnet und führen zur Vagotonie. Was sich anfangs wie ein Vollrausch mit Halluzinationen, Schwindelgefühl und Benommenheit äußert, führt mit fortschreitender Vergiftung zu Blutdruckabfall und Pulsverlangsamung, häufig mit Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Schlimmstenfalls endet die Intoxikation mit Herzrhythmusstörungen, Kreislaufstillstand und Tod.

Tollkirsche hilft gegen Tollhonig – klingt schon fast nach homöopathischem Gleiches mit Gleichem bekämpfen: Bei der medizinischen Notfallbehandlung versucht man, die Toxine durch die Injektion von Atropin zu antagonisieren.

Süßer Hinterhalt: Als die Römer stoned geworden…

Römer

Mit den Auswirkungen von Schwarzmeerhonig war man schon in der Antike vertraut. König Mithridates von Pontus besiegte die Armee des Feldherren Pompeius, indem er den marodierenden Römern Waben mit ebenso schmackhaftem wie brisantem Inhalt in die Hände fallen ließ. Dem unwiderstehlichen Naschwerk folgte ein Massaker an der bis zur Kampfunfähigkeit bekifften Truppe, woraufhin eine ganze Weile Ruhe vor den Invasoren herrschte.

Ebenso wusste man damals bereits um die heilsamen Wirkungen. Dioskurides kannte Rhododendon als Ursprung und beschreibt in seiner Materia medica verschiedene Nutzungen Pontischen Honigs. Die Historia Naturalis Plinius des Älteren bescheinigt ihm schädliche Eigenschaften bei Einnahme, aber auch Unbedenklichkeit bei äußerlicher Anwendung etwa zur Heilung von Augenkrankheiten. Marcellus empfiehlt ihn bei Geschwüren an den Genitalorganen. Andere antike Berichte stammen von Aristoteles, Columella, Strabo und Xenophon.

Traditionelle Verwendung von türkischem deli bal

In der Türkei heißt der Tollhonig deli bal. An der Schwarzmeerküste sorgt er als fester Bestandteil der Volksmedizin für mehr als Halluzinationen und euphorisierende Gefühle. Man verwendet ihn zur Steigerung der Potenz, bei Magenverstimmungen und um Leistungsfähigkeit und Konzentration zu verbessern. Dass er wie andere Honigsorten, insbesondere Manuka-Honig, bei der Wundheilung hilft, hat man hier ebenfalls schon festgestellt.

Halluzinogener Honig aus dem Himalaya: Die Honigjäger der Gurung

Nepal Honig

Einen anderen Rhododendron-Honig kennt man in Nepal. Hier geht das Volk der Gurung seit Generationen zweimal jährlich auf die Jagd nach den Nestern der Kliffhonigbiene Apis dorsata laboriosa. Ein tollkühnes Unterfangen, denn eigentlich sollte man sich mit der besser nicht anlegen. Die schwarz-weiß geringelte Riesenhonigbiene trägt ihren Namen zu Recht und gilt mit bis zu drei Zentimetern Länge als größte Honigbiene der Welt. Damit übertrifft der Brummer sogar unsere einheimische Hornisse, bei der es die Arbeiterinnen gerade mal auf zweieinhalb Zentimeter bringen.

Ähnlich gigantisch sind die Nester dieser magic bees – die in Felsspalten versteckten Waben werden bis zu einem Meter lang und fast ebenso breit. Die Tiere verbringen den Winter in tiefergelegenen Regionen mit gemäßigtem Klima und steigen in der warmen Jahreszeit auf bis zu 3000 Meter auf. Dort besuchen sie die Blüten der Nationalpflanzen Nepals: Rhododendren, deren Nektar und Pollen wie beim Pontischen Honig jede Menge Grayanatoxin beinhalten.

Die Honigjagd der Nepalesen ist nicht nur wegen der erbosten Gegenwehr riskant: Für ihre Nistplätze sucht sich die Riesenhonigbiene wohlweislich die steilsten und unzugänglichsten Felswände aus. Daher müssen die Männer an Bambusleitern hochsteigen oder sich mit Seilen herablassen, um die Waben mit Stangen und anderem Gerät aus den steinigen Ritzen herausholen zu können. Das Ereignis ist fester Bestandteil ihrer Kultur und gilt nicht zuletzt als Mutprobe.

Bei den Gurung nutzt man den psychedelischen Honig zu medizinischen Zwecken. Traditionell nehmen viele jeden Morgen ein Löffelchen, um das Immunsystem zu stärken, Gelenkschmerzen zu lindern und ein langes und fruchtbares Leben zu ermöglichen. Und werden dabei ein bisschen high wie nach einem Joint. Das uralte Brauchtum ist bedroht: Honig und Wachs der Riesenhonigbiene sind so begehrt, dass man die Bestände der Tiere in Nepal und Tibet als gefährdet einstuft.

Stachellose Bienen und halluzinogener Honig aus Mittelamerika

Es muss nicht immer Rhododendron sein: Die präkolumbianischen Völker Mittelamerikas verwendeten diverse Mischungen von Honig mit anderen psychoaktiven Substanzen. Als Bienenstock diente den Maya der kurzerhand abgeschnittene hohle Ast mit dem Nest, den sie an beiden Enden versiegelten und mit nach Hause nahmen.

Die Honigproduzenten der Maya erscheinen weniger bedrohlich als ihre nepalesischen Riesencousinen – die stachellosen „königlichen Damen“ xunan kab (Melipona beecheii und Melipona yucatanica) sind etwa so groß wie unsere Honigbienen und galten als Verkörperung des Gottes ah muzen cab und Verbindung zur geistigen Welt.

Stachellos bedeutet nicht wehrlos – zur Verteidigung beißen die Tiere. Heute sind die Bestände der Maya-Honigbienen durch das Vordringen der Afrikanischen Honigbiene gefährdet.

Von Einläufen, Pilzen und LSD-Trips mit Morgenlatte

Für rituelle Handlungen zu Ehren des Gottes Acan verwendeten die Mayas das berauschende Getränk balché. Dazu verrührten sie die zerkleinerte Rinde des immergrünen Hülsenfrüchtlers Lonchocarpus violaceus mit Wasser und Honig und ließen die Mischung einige Tage gären. Die Rauschwirkung ließ sich verstärken, indem man den Trank zusätzlich als Einlauf verabreichte.

Hinzu kamen weitere Drogen wie teonanacatl – halluzinogene Pilze der Gattung Psilocybe, mescalinhaltige Kakteen wie peyōtl (Lophophora spec.) sowie pulque, pox und andere alkoholische Getränke. Die spanischen Eroberer versuchten dieses Treiben zu unterbinden, aber bei den Nachfahren der Maya auf der Halbinsel Yucatán kennt man balché noch heute. Es soll böse Geister vertreiben und wird von Schamanen bei Totenbeschwörungen oder Wahrsagungen verwendet.

Ähnlichen Zwecken diente das Gebräu xtabentún. Heutzutage bezeichnet man damit einen mit Rum und Honig aus ololiuqui hergestellten Likör, der sich in Mexiko großer Beliebtheit erfreut. Das Getränk mit Anisaroma führt zu euphorischen Zuständen mit nachfolgender Müdigkeit. Und zu erheblichem Harndrang – der Grund, warum man die medizinisch genutzte Ololiuqui-Ranke (Turbinia corymbosa) im Englischen scherzhaft als morning glory bezeichnet.

Für die Herstellung von balché und xtabentún war und ist der Honig von den Blüten der „Morgenlatte“ besonders beliebt. Das kletternde Windengewächs nannten die Azteken bildhaft coatl xoxouqui (grüne Schlange), ololiuqui (rundes Korn) bezeichnete die Samen. Genau wie diese enthält der Honig eine ganze Reihe von Alkaloiden (Artikel über Alkaloide in Honig), darunter LSA – D Lysergsäureamid, Isolysergsäureamid und Lysergol. Die Mutterkornalkaloide sind nahe verwandt mit dem besser bekannten Lysergsäurediethylamid aka LSD und haben eine vergleichbare Wirkung.

Mad Honey: Heilsam, aphrodisierend, tödlich

Wie bei vielen sekundären Pflanzenstoffen sind bei Grayanatoxinen und Mutterkornalkaloiden die Grenzen zwischen medizinisch wirksam und todbringend fließend. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ihr natürlicher Gehalt im Honig extrem schwankt. Entsprechend groß ist die Gefahr bei dubiosen Produkten, die man immer häufiger im Internet findet. Die Zahl der teils tödlich verlaufenden Anwendungen steigt in den vergangenen Jahren kontinuierlich an.

Erhebliche Gesundheitsprobleme nach Genuss von 20 bis 200 Gramm psychedelischem Honig gaben Anlass zu medizinischen Studien. Die Vergiftungserscheinungen bezeichnet man in der Fachliteratur als mad honey disease. Hinter den prekären Krankheitsfällen steht seine aphrodisierende und psychedelische Wirkung.

Nicht jeder Nutzer geht mit halluzinogenem Honig so maßvoll um wie die Gurung. In China, Japan und Korea gibt Mann selbst in Zeiten von Viagra immer noch eine Unmenge Geld für das traditionelle Heilmittel aus, das ebenso wie Nashornhorn und Tigerpenis als Aphrodisiakum gilt. Das Problem: Viel hilft viel kann sich als tödlicher Irrtum erweisen. Kein Wunder, dass klinisch relevante Fälle praktisch ausschließlich bei Herren mittleren Alters auftreten.

Quellenverzeichnis

Bücher und Buchbeiträge
Christian Rätsch: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Botanik, Ethnopharmakologie und Anwendungen. 3. Auflage. Aarau 1998: AT Verlag. ISBN 3-85502-570-3.
K. Krause: Über den giftigen Honig des pontischen Kleinasien. Naturwissenschaften, Bd. 14, S. 976-978. Berlin 1924: Springer-Verlag. ISSN 0028-104.
https://www.digizeitschriften.de/dms/img/?PID=PPN34557155X_0014%7Clog593
H. Desel, H. Neurath: Vergiftungen mit „Pontischem Honig“. Kasuistik aus dem Arbeitskreis Klinische Toxikologie. Toxichem & Krimtech, Mitteilungsblatt der Gesellschaft für Toxikologische und Forensische Chemie 65(2), 1998, S. 63-64.
https://www.gtfch.org/cms/images/stories/media/tk/tk65_2/DeselPontischerHonig.pdf

Links
Wikipedia: Pontischer Honig.
https://de.wikipedia.org/wiki/Pontischer_Honig
Wikipedia: Grayanatoxine.
https://de.wikipedia.org/wiki/Grayanotoxine
Wikipedia: Kliffhonigbiene.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kliffhonigbiene
Wikipedia: Stachellose Bienen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Stachellose_Bienen
Turbina corymbosa (Linnaeus) Rafinesque.
https://catbull.com/alamut/Lexikon/Pflanzen/Turbina%20corymbosa.htm

Filme
David Caprara: High im Himalaya: Auf der Suche nach halluzinogenem Honig.
https://www.vice.com/de/article/qbadj3/high-im-himalaya-0001365-v12n6
Raphael Treza: Hallucinogen Honey Hunters.
https://topdocumentaryfilms.com/hallucinogen-honey-hunters/
Roger Webb: Natural World – Jimmy and the Honey Hunters of Nepal.
2011 auf Phönix unter dem Titel Nepals Honigjäger – Auf der Suche nach dem süßen Gold.
2013 auf ZDFneo unter dem Titel Jimmy auf Honigjagd im Himalaya.

Zeitschriftenartikel
Jansen SA, Kleerekooper I, Hofman ZL, Kappen IF, Stary-Weinzinger A, van der Heyden MA. Grayanotoxin poisoning: ‚mad honey disease‘ and beyond. Cardiovasc Toxicol. 2012 Sep;12(3):208-15. doi: 10.1007/s12012-012-9162-2. PMID: 22528814. Review.
Gunduz A, Turedi S, Russell RM, Ayaz FA. Clinical review of grayanotoxin/mad honey poisoning past and present. Clin Toxicol (Phila). 2008 Jun;46(5):437-42. doi: 10.1080/15563650701666306. PMID: 18568799 Review.
Koca I, Koca AF. Poisoning by mad honey: a brief review. Food Chem Toxicol. 2007 Aug;45(8):1315-8. doi: 10.1016/j.fct.2007.04.006. Epub 2007 Apr 21. PMID: 17540490 Review.
Jansen SA, Kleerekooper I, Hofman ZL, Kappen IF, Stary-Weinzinger A, van der Heyden MA. Grayanotoxin poisoning: ‚mad honey disease‘ and beyond. Cardiovasc Toxicol. 2012 Sep;12(3):208-15. doi: 10.1007/s12012-012-9162-2. PMID: 22528814. Review.
Bogusz MJ, Maier RD, Schäfer AT, Erkens M. Honey with Psilocybe mushrooms: a revival of a very old preparation on the drug market? Int J Legal Med. 1998;111(3):147-50. doi: 10.1007/s004140050135. PMID: 9587797.
Carod-Artal FJ. Hallucinogenic drugs in pre-Columbian Mesoamerican cultures. Neurologia. 2015 Jan-Feb;30(1):42-9. doi: 10.1016/j.nrl.2011.07.003. Epub 2011 Sep 3. PMID: 21893367.
Kritsky G. Beekeeping from Antiquity Through the Middle Ages. Annu Rev Entomol. 2017 Jan 31;62:249-264. doi: 10.1146/annurev-ento-031616-035115. PMID: 28141962 Review.

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